„Du hast es als Filmkomponisten in der Hand, wie eine Szene wirkt“, hat Rachel Portman einmal gesagt, um weiter auszuführen, „Du kannst sie spannend machen oder angsteinflößend. Traurig oder fröhlich. Für mich ist die Kombination am spannendsten, wenn eine Komposition beides ausdrückt: Glück und Tragik.“ Es ist genau diese Vielfalt, welche die Soundtracks der britischen Oscar-Preisträgerin so unverwechselbar machen. Für Vielfalt steht seit mehr als einem Jahrzehnt die JETS INITIATIVE, die nicht nur förderungsfähige Filmprojekte aus diversen Ländern auszeichnet, sondern 2026 erstmals auch Filmkomponisten. Am ersten und zweiten Tag der Veranstaltung stellten in der Landesvertretung Bremen / Kanadischen Botschaft in Berlin die Klangtüftler sich und ihr musikalisches Werk selbst vor. Am zweiten Tag erhielten die von der Jury für am besten befundenen unter ihnen eine Urkunde.
Bevor wir zu den Siegern der Filmprojekte kommen, hier nun also die Gewinner unter den Komponisten: Für Kanada wurden gleich zwei Musiker ausgezeichnet. Zum einen die auch unter dem Künstlernamen FJØRA bekannte Multiinstrumentalistin Alexandra Petkovski, welche 2020 durch die Amazon-Horror-Serie „Welcome to the Blumhouse“ mit ihren angsteinflößenden Sounds für Furore sorgte. Zum anderen die Cree-Cellistin Cris Derksen. Innovativ ist ihr Mix aus klassischen Elementen und traditioneller indigener Musik für Dokumentationen („People of a Feather“, 2011), Miniserien („8th Fire“, 2012) und Spielfilme („The Well“, 2025).
Aus Deutschland wurden ebenfalls zwei Künstler prämiert: Der wie der Verfasser dieser Zeilen aus Frankfurt am Main stammende, 29-jährige Peter Albrecht kann schon auf eine Vielzahl an Scores zurückblicken. Zu den Arbeiten zählen unter anderem Chiara Fleischhackers Kinospielfilm „Vena“ (2024), Douglas Wolfspergers Kinodokumentarfilm „Denn dieses Leben lebst nur du“ (2025) sowie Constantin Schreibers Fernsehdoku „Israel nach dem 7. Oktober – Reise durch ein zerrissenes Land“ (2025). Da der 1994 in Herzberg am Harz geborene Steffen Brinkmann zunächst für Filme mit kleinem Budget komponierte und sich kein Sinfonieorchester für die musikalische Untermalung leisten konnte, wurde seine Orchestermusik meist digital simuliert. Er schreibt neben Filmmusik („Orang-Utans – Borneos Waldmenschen“) und Klassischer Musik („Bergmannsrhapsodie“, 2016) auch Videospielmusik („Harry Potter: Magic Awakened“, 2022).
Bei Irland konnte sich die Jury nur auf einen Gewinner einigen: Daithí (eigentlich Daithí Ó Drónai) ist ein Nachwuchsgeiger. Bekannt wurde er durch seine Teilnahme an der ersten Staffel der Talentshow „Must Be the Music“ (2011) des privaten Fernsehsenders Sky 1, bei dem er das Finale erreichte. Daithí ist bekannt für seinen einzigartigen Ansatz in der Live-Elektronikmusik. Seine Auftritte basieren auf House-Musik und nutzen Synthesizer, das Computerprogramm Ableton Live und eine synthetische Geige. Seine Performance sind improvisiert, wobei jeder „Track“ in kleine Loops zerlegt und bei jeder Show anders gemischt wird. Filmkompositionen: „Lakelands“ (2022), „Croí“ (2022) und „Yellow Belt“ (2023).
Und nun Vorhang auf für die Gewinner der Filmprojekte: Anrührend ist der Beitrag aus Australien. In „Luna“, gepitched von den Produzenten-Brüder Henry und Hugo Koehne, missversteht die achtjährige Luna den Gehirntumor ihres Vaters als „Gehirnthunfisch“ („brain tuna“anstatt „brain tumor“). Sie malt sich aus, wie sie in seinen Kopf reisen kann, um ihn herauszufischen. Doch eines Tages lernt sie, der traurigen Wahrheit ins Gesicht blicken… Ein märchenhaftes und doch auch sehr ernstes Familiendrama über das Abschiednehmen, das alle angeht und betroffen macht.
Das Land Kanada blickt auf zwei Gewinner: „The Night Maere“ von Regisseur Michael Peers und Produzentin Yasmine Majchrzak handelt von einem übernatürlichen Wesen, dass gemeiner Weise Personen mit einer Schlaflähmung begegnet, die sich also nicht dagegen wehren können. Diese alptraumhafte Erfahrung muß die Malerin Maria machen, die zuliebe ihres Verlobten Eoin auf ihre Karriere verzichten will, um sich in einem an der Küste gelegenen, frisch renovierten Domizil als Hausfrau zu verdingen. Auch wenn sie sich von der hexenartigen Kreatur zutiefst geängstigt fühlt, realisiert sie, dass die eigentliche Gefahr von dem Haus selbst ausgeht. Mythologischer Horror trifft hier auf Zivilisationskritik, was das Projekt noch spannender macht. Das Genre Psycho-Thriller bedient eher „White Noise“ von Regisseurin Tamara Scherbak und Produzentin Christina Saliba über die Kunstkonservatorin Ava, der eine Geräusch-Allergie physisch und psychisch zu schaffen machen. Als sie das Werk der Malerin Artemisia Gentileschi in einem Museumsraum, der sämtliche Geräusche absorbiert, restaurieren soll, ereignen sich seltsame Ereignisse um sie herum und in ihr. Bei aller Suspense ist die Geschichte auch ein Plädoyer, sich auf Stille einzulassen in unserer immer hektischer Welt.
Von Hörverlust handelt auch der deutsche Sieger „Karlotta & the Scarlet Viper“ von Regisseurin Juliane Block und Produzent Wolf-Peter Arand. Die neun Jahre alte Titelheldin trägt ein Cochlea-Implantat. Ihr Schicksal meistert sie, indem sie sich in ihrer Fantasie vorstellt, die furchtlose Piratenkapitänin Lotta LeRoux zu sein, die überhaupt keine Hilfe braucht. Auf letztere ist sie allerdings angewiesen, als sie beim Sommerurlaub mit ihrer Großmutter ihr Hörgerät verliert. Wahre Stärke besteht also nicht daran, alles allein zu bewältigen, sondern im Vertrauen auf Personen, die man liebt, auch Unterstützung anzunehmen, wenn es mal sein muß.
Irland präsentiert mit „A Quiet Tide“ von Regisseurin Martina McGlynn und Produzent Garret Daly ein Historiendrama, dass von der Botanikerin Ellen Hutchins (1875 – 1815) handelt. Sie identifizierte Hunderte neue Pflanzenarten und wurde durch ihre botanischen Illustrationen in zeitgenössischen Publikationen bekannt. Mehrere Gewächse wurden nach ihr benannt. Sie gilt als die erste Botanikerin Irlands. Das Filmgeschehen setzt ein Jahr vor ihrem Tod ein, wo sie sich trotz schwacher Gesundheit an der Küste von West Cork auf der Suche nach einer seltenen Blume macht. Ein naturalistisches Abenteuer und das Porträt einer starken Frau, die allen Schwierigkeiten zum Trotz nie aufgab.
Für das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland wurde mit „Arkadia“ von Regisseurin Rebekah Fortune und Produzentin Hannah Eugénie Tookey ein vielversprechender SciFi-Horror-Thriller ausgezeichnet. Cassie Arkwright ist das Gesicht der utopischen Stadt, die ihre Arbeiter gesund, glücklich und produktiv machen soll. Als Kind hat ein revolutionäres Implantat ihr Augenlicht wieder repariert. Nun ist sie schwanger und alles könnte innerhalb ihrer Medizindynastie nicht besser laufen. Doch nach einer traumatischen Geburt, bei dem sie ihr Baby verliert, bricht ihr vermeintlich so perfektes Leben in sich zusammen. Im Hospital sieht sie auf einmal eine viktorianische Schwester, die Kinder stiehlt. Und auch ihre Familie führt sich merkwürdig auf. Ist ihr Baby vielleicht gar nicht tot? Schritt für Schritt kommt sie dem dunklen Geheimnis von Arkadia auf die Spur. Düster geht es auch in „Reconstruction“ von Regisseur Matt Harlock und Produzent Dan Dixon zu. Cassie Rourke, die Produzentin einer Fernsehshow, die ungelöste Mordfälle nachstellt, wird selbst von einem der Killer kontaktiert. Sie macht den fatalen Fehler, darüber in der Sendung zu berichten. Die Einschaltquoten gehen zwar explosionsartig in die Höhe, doch als sie den Täter demaskieren will, offenbart dieser seinen wahren Grund und damit wird ein Geheimnis öffentlich enträtselt, dass Cassie seit Jahren geschickt verbergen konnte. Filme wie „The Silence of the Lambs“ (1991), „Dragon Tattoo“ (2011) oder „Nightcrawler“ (2014), standen Pate für diesen nervenaufreibenden Thriller mit überraschenden Wendungen. Ob Suspense, Sounds oder Sensationen: Die JETS INITIATIVE bot auch diesmal ein maximal breites Spektrum aufstrebender Filmschaffender!
Marc Hairapetian ist Freier Journalist (u.a. Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Die junge Welt) sowie seit seinem 16- Lebensjahr Herausgeber des von ihm begründeten Kulturmagazins Spirit – Ein Lächeln im Sturm https://spirit-fanzine.de

